Geschichte der Slavistik in Bonn
Die Geschichte der Slavistik in Bonn
Am 01. Oktober 1953 wurde das Slavistische Seminar der Rheinischen-Friedrich-Wilhelms-Universität zu Bonn gegründet. Prof. Margarete Woltner (1897-1985), eine Schülerin des Slavisten Vasmers, wurde auf das Extraordinariat für Slavische Philologie berufen und war damals die einzige Professorin an der Universität Bonn.
Die erste Bonner slavistische Habilitation „Die Dichtungen Gundulićs und ihr poetischer Stil“ hatte 1952 Herr Dr. Vsevolod Setschkareff (1914-1998) eingereicht. Zuvor wurde bereits im Jahre 1872 von der Philosophischen Fakultät beantragt, Herrn Dr. Johannes Schmidt (1843-1901) zum Professor für Slavische Philologie zu ernennen, was jedoch an der Ablehnung durch das Ministerium in Berlin scheiterte. Schließlich wurde er ordentlicher Professor für das Fach der vergleichenden Sprachwissenschaft in Graz.
Die von dem Sprachwissenschaftlichen Institut übernommenen ca. 1.000 Bände bildeten damals den Grundstock für die Bibliothek des Slavistischen Seminars. Dies sollte sich im Laufe der Jahre dank des außerordentlichen Engagements von Dr. Eva Krull AOR (seit 1954 wiss. Hilfskraft und seit 1961 wiss. Assistentin und Kustodin; zu Recht auch die Seele und das Gedächtnis des Seminars genannt) ändern, so dass der Bestand sich heute mittlerweile auf 70.000 Monographien und 13.000 Zeitschriftenbände beläuft. Die Systematisierung ist nach den Angaben von Frau Woltner erfolgt. Prof. Margarete Woltner und Prof. Hans Rothe (seit 1966 Ordinariat für Slavische Philologie) haben dabei keine Mühen oder ungewöhnliche Wege gescheut, um den Bücherbestand zu erweitern. So hat Frau Woltner auch einmal auf der Insel Capri Bücher besorgt.
Durch die Errichtung des zweiten Lehrstuhls, der von Herrn Rothe besetzt wurde, konnten auch Antiquaria und Nachdrucke seltener Schriften durch Sondermittel beschafft werden. Ebenfalls gibt es im Seminar einen umfangreichen Bestand an Mikrofilmen und Mikrofiches. Dadurch verfügt die Bibliothek über einzigartige Sammlungen zu west-, ost- und südslavischen Sprachen, die von Studierenden, Mitarbeitern und auch von Humboldtstipendiaten aus dem Ausland besonders geschätzt werden.
Einen Anteil an der deutschen Nachkriegsgeschichte des Slavistischen Seminars leistete Studienprofessor Dr. Dr. h.c. Rolf-Dietrich Keil, Puškin- und Gogol‘-Forscher sowie Übersetzer, als er 1955 den damaligen Bundeskanzler Konrad Adenauer und dessen Außenminister als Übersetzer in die damalige Sovietunion begleitete. Ein Ergebnis dieser geschichtsträchtigen Reise war die Freilassung der letzten deutschen Kriegsgefangenen.
1962 ehrte die Bonner Universität erstmals einen Slavisten. Dem bis1956 an der Freien Universität in Berlin tätigen Slavist Prof. Max Vasmer (1886-1962) wurde in einer Feierstunde die Ehrendoktorwürde der Universität Bonn verliehen.
1966 kam Prof. Rothe aus Marburg nach Bonn und besetzte das zweite Ordinariat. Hauptaugenmerk legte er auf die russische Literatur des 18. und 19. Jahrhundert. Ebenfalls hielt er Vorlesungen über die tschechische, polnische, serbische/kroatische und ukrainische Literatur. Er ist auch der Organisator der ersten dreiwöchigen Exkursion im Jahre 1968 in die damalige Tschechoslowakei, der eine Vortragsreihe tschechischer Gastredner voranging. Prof. Rothe ist Leiter der Arbeitsstelle Bonn der Patristischen Kommission der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften. Die Forschungsschwerpunkte liegen hier unter anderem in der Edition slavischer Bibeln (Biblia Slavica), ostslavischer Menäen und liturgische sowie paraliturgische Literatur bei den Slaven. Langjährige Mitarbeiterin der Patristischen Kommission ist Frau Dr. Dagmar Christians. Diese Projekte werden von der Akademie der Wissenschaften NRW, von der DFG und von der Krupp-Stiftung gefördert.
Herrn Rothe folgte Prof. Dr. Potthoff (1941-2009) im Jahre 1996, der den Schwerpunktstudiengang Südosteuropa als Zusatzstudium an der Philosophischen Fakultät etablierte. Ebenfalls gehen auf seine Initiative die internationalen, wissenschaftlichen Symposien „Dalmatien als Raum Europäischer Kultursynthese“ in den Jahren 2003 und 2006 zurück.
Frau Woltner folgte im Jahre 1968/69 Prof. Dr. Miroslav Kravar von der Universität Zadar aus dem ehemaligen Jugoslavien, der sich mit der Sprachentwicklung des Russischen, der Akzentologie und Aspektologie in den Slavinen und mit südslavischer Folklore beschäftigte und dazu Vorlesungen abhielt.
Herrn Kravar folgte Prof. Dr. Keipert im Jahre 1977, der sich unter anderem mit der historischen Grammatik und Lexikologie slavischer Sprachen, dem Standardsprachenausbau im Slavischen und mit dem slavischen Übersetzungsschrifttum in linguistischer Sicht beschäftigt.
Im gleichen Jahr wurde wieder ein Slavist von der Universität Bonn geehrt; Prof. Dr. Ivan Dujčev erhielt damals die Ehrendoktorwürde für seine Verdienste.
Prof. Keipert ist korr. Mitglied der Philologisch-Historischen Klasse der Göttinger Akademie der Wissenschaften und der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Ebenfalls ist er Mitherausgeber der „Zeitschrift der slavischen Philologie“ und betreut weiterhin Humboldt-Stipendiaten.
Von 2007 bis 2010 war Dr. Dieter Stern (seit Herbst 2010 Professor in Gent, Belgien) als AOR für slavische Sprachwissenschaft in der Bonner Slavistik tätig. Seine Forschungsschwerpunkte sind die ostslavische Kantionaltradition des 17.-18. Jahrhunderts, die liturgischen Hymnen des byzantinisch-slavischen Ritus des 11.-13. Jahrhunderts, das Tamyr-Pidgin-Russische und die Ethnographie der Kommunikation auf informellen Grenzmärkten.
Da infolge der wirtschaftlich-politischen und universitären Entwicklungen im NRW keine slavistische Professur nach 2009 an der Universität Bonn fortgeführt wurde, wird der Arbeitsbereich Slavistik der Philosophischen Fakultät seit 2010 zunächst von PD Dr. Riccardo Nicolosi, AOR und seit 2011 auch von Frau J.-Prof. Vladislava Zhdanova, AOR kommissarisch geleitet.
Forschungsschwerpunkte von PD Dr. Riccardo Nicolosi sind unter anderem die russischen und bosnisch-kroatisch-serbischen Literaturen und Kulturen, die Rhetorik und die Narratologie.
Frau J.-Prof. Dr. Zhdanova setzt ihre aktuellen Schwerpunkte in Forschung und Lehre in solche Bereiche wie Mehrsprachigkeit (Slavisch-Deutsch), die funktional-semantische Grammatik, Soziolinguistik, der Sprachwandel in der Slavia im 20.Jh und die Translationswissenschaft.
Der Bonner Slavistik ist seit ihren Anfängen der internationale wissenschaftliche Kontakt und Austausch ein wichtiges Anliegen und sobald es die politischen und historischen Gegebenheiten erlaubten, wurde dies auch realisiert; diese Tradition wird bis heute gepflegt. So werden im Rahmen der Ostpartnerschaft der Universität Bonn in jedem Jahr Wissenschaftler von der Universität Warschau und der Karls-Universität Prag zu kurzen Forschungsaufenthalten und Vorträgen nach Bonn eingeladen.
Vorreiterin in dem Bereich der Kulturwissenschaften ist die Bonner Slavistik schon seit ihren Anfängen, da bereits Frau Woltner folgendes von den Studierenden erwartete: „Um ihr Studium [der Slavischen Philologie] sinnvoll und erfolgreich zu betreiben, bedarf es einer eingehenden Beschäftigung mit der Gesamtkultur der einzelnen slavischen Völker.“ (Bonner Studienführer der Universität Bonn, 1962, S. 190).
Bis ins Jahr 2003 wurde auch das Studium des Lehramts Russisch für Gymnasien und Gesamtschulen in NRW angeboten, was im Jahre 2011, als das Lehramtsstudium in Bonn wieder eingeführt wurde, leider nicht mehr im Fächerangebot der Philosophischen Fakultät erscheint.
Ein weiteres Anliegen ist die Forschungs- und Lehrtätigkeit sowohl in der Ost-, West- als auch in der Südslavistik. Daher ist bis heute das breitgefächerte Angebot an Sprachunterricht in möglichst vielen Slavinen, trotz der schwierigen Lage, in der sich die Bonner Slavistik befindet, eine Herzensangelegenheit geblieben. Ebenfalls werden auch Lehrveranstaltungen für die Studiengänge der Kommunikations- und Medienwissenschaften angeboten.
